Hochwasser - Flachwasser

Doch auch das sauberste Wasser ist für die Lebewesen gefährlich - und zwar bei Flachwasser! Um das zu verstehen, muss man die Zusammenhänge in der Natur kennen. Deshalb hier eine kurze - stark vereinfachte - Darstellung.

Alle Pflanzen erzeugen mit Hilfe von Sonnenenergie aus Kohlendioxyd und Wasser Zucker. Als „Abfall”produkt entsteht dabei Sauerstoff. Dieser Vorgang wird Photosynthese genannt. Er findet nur tagsüber statt, da dann das Sonnenlicht die notwendige Energie liefert. Nachts hingegen verbrauchen die Pflanzen Sauerstoff. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Stickstoff. Er wird u. a. bei der Zersetzung von organischen Substanzen wie Blättern und toten Tieren ins Wasser abgegeben und ist ein guter Dünger für die Algen und Wasserpflanzen. Auch dieser Prozess entzieht dem Wasser Sauerstoff. Ist es über einen längeren Zeitraum warm, geschieht folgendes: Die anhaltende Sonneneinstrahlung lässt das Wasser schneller verdunsten. Also verdunstet damit auch der im Wasser gelöste Sauerstoff. Gleichzeitig laufen die Zersetzungsprozesse schneller ab, wodurch der Stickstoffgehalt des Wassers ansteigt, während der Sauerstoffgehalt sinkt. Die Folge ist, dass den Wasserbewohnern die Luft ausgeht, was, wenn die Hitze zu lange andauert, zu einem Massensterben führen kann.

Doch nicht nur natürliche Katastrophen bedrohen die Aa, auch der Mensch trägt das Seine dazu bei: Gülleeinleitungen führen zu einer Erhöhung des Stickstoffgehaltes, ungeklärte Hauswassereinleitungen bringen durch u. a. Waschmittelrückstände Phosphate ins Wasser, die die Wasserpflanzen wuchern lassen, die Abwässer von privat auf der Einfahrt gewaschenen Autos enthalten Ölrückstände und anderen Straßenschmutz (1 Liter Öl verseucht 1.000.000 Liter Wasser), und Rasenschnitt, der nach dem Mähen in den Fluss gekippt wird, verfault im Wasser, was, wie bereits erläutert, ebenfalls zu einer Erhöhung des Stickstoffgehaltes führt.

Hochwasser hingegen ist - in Maßen - sogar gut für den Fluss und damit auch die Fischerei. Führt der Fluss viel Wasser, erhöht sich - insbesondere auf den geraden Flussabschnitten - die Fließgeschwindigkeit. Der Boden wirbelt auf, Insekten und andere Nahrung für die Fische wird freigelegt. Somit ist kurz nach einem Hochwasser oft die beste Angelzeit, denn wegen des riesigen Nahrungsangebotes beißen die Fische dann gut. Ein vielzitiertes Märchen ist, dass die Fische bei Hochwasser abgetrieben werden. Stimmt nicht! Wenn das so wäre, gäbe es nicht mehr einen einzigen Fisch in den Flussoberläufen wie der Aa. Die wären im Laufe der letzten Jahrmillionen alle nach und nach aus den Flüssen in die Meere gespült worden. Die Evolution hat die in der Aa lebenden Fische dazu befähigt, auch in starken Strömungen ihren Standort zu halten. Dabei ist es ganz egal, welche Größe der Fisch hat. Nur für kranke und schwache Tiere kann ein Hochwasser gefährlich sein. (Wobei jetzt bitte keiner den Trugschluss ziehe, das Salzwasserfische ursprünglich kranke und schwache Flussfische waren!)

Trotz der Uferabbrüche haben Überschwemmungen auch für die Landwirtschaft theoretisch ihre positiven Seiten - kommen doch so die aus dem Flussbett gelösten Nährstoffe auf die Felder. Natürlich ist ein Hochwasser nur dort vorteilhaft, wo es auch abfließen kann. Hier am Oberlauf der Aa gehören jährlich überflutete Innenstädte zum Glück der Vergangenheit an. Da das Wasser in den Quellgebieten heutzutage schneller abfließen kann, haben sich die Hochwassergebiete weiter flussabwärts verlagert - dort, wo die Flüsse zusammenfließen, staut es sich, und die Wassermassen treten über die Ufer.

 

 

© Isabell Raschke 2008